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Als gehoerloser Deutscher in Kolumbien

Jedes Jahr verlassen 170000 Bundesbuerger aus unterschiedlichen Beweggruenden Deutschland.Sie leben verstreut in der ganzen Welt.Der gehoerlose Reinhard Biel ist einer von ihnen.Ihn hat es nach Kolumbien in Suedamerika verschlagen.Im folgenden Bericht erzaehlt er ueber sein frueheres Leben in Deutschland und sein jetziges in Kolumbien.

Mein Name ist Reinhard Biel,ich bin ein gebuertiger Thueringer.Vor genau 61 Jahren,am 13 Maerz 1948 wurde ich in Muehlhausen in der damaligen Sowjetischen Besatzungszone geboren.Mit zweieinhalb Jahren ertaubte ich infloge einer Gehirnhautentzuendung.Ich hatte eine schwere Kindheit,denn meine Eltern trennten sich frueh und so wuchs ich ohne Vater bei meiner Mutter auf.

                                        Schon  mit drei Jahren weit von zu Hause weg

Als ich drei Jahre alt war,wurde ich in eine Vorschule nach Dresden gebracht,also ganz weit weg von zu Hause.Dort musste ich Sprache und Orientierung lernen.Schon mit fuenf Jahren kam ich in die Gehoerlosenschule Gotha(Pestalozzistrasse).Ich hatte dort einen guten,aber strengen Lehrer Otto Walter.1956 musste ich einen Hoertest machen.Haette dieser Test eine Schwerhoerigkeit ergebeb,dann haette ich in Gotha bleiben duerfen.Ich bin aber bei diesem Test durchgefallen und so musste ich zur Gehoerlosenschule nach Erfurt(Windhorststrasse) wechseln.Hier wurde ich bis zum Abschluss der zehnten Klasse von der sehr tuechtigen Klassenlehrerin Johanna Hornik unterrichtet.Ich habe in Erfurt sehr viel gelernt.

                                      Sozialistische Schulpolitik

Aber mit der sozialistischen Schulpolitik in der damaligen kommunistischen DDR war ich groesstenteils nicht zufrieden.Einige Faecher hielt ich fuer ueberfluessig.So zum Beispiel das Fach “Nadelarbeit”,bei den wir Jungen damals gezwungen wurden,das Naehen und das Stricken zu lernen.Die Lehrinhalte des Fachs “Staatsbuergerkunde” stiessen bei mir im doppelten Sinne auf “taube” Ohren.In dem Fach drehte sich alles um:Sozialistisch lernen,sozialistisch leben und sozialistisch arbeiten.Der Sozialismus siegt!.Ich fand die kommunistische Propaganda einfach zum Kotzen.Schon als Junge war ich immer pro-westlich eingestellt,und so war ich damals fuer die Schule ein “Dorn im Auge”.

                                       Werkzeugmacher und Schweisser

Nach Abschluss der zehnten Klasse ging ich in eine Berufsschule der hoerenden.Drei Jahre lang erlernte ich den Beruf als Werkzeugmacher.Viele Betriebe waren sozialistisch.Die Stasi beobachtete mich auch jahrelang.Ich war fuer den Staat “unsauber”,aber noch nicht zum Staatsfeind abgestempelt worden.1972 heiratete ich eine ebenfalls gehoerlose Frau.Aus dieser Ehe habe ich zwei Soehne.Meinen Beruf als Werkzeugmacher habe ich im Jahr 1973 aufgegeben,wurde Schweisser und zaehlte damals mit zu den Spitzenverdienern in der DDR.

                                      Kurz vor der Wende in den Westen geflohen

Im Juni 1989,kurz vor der Wende,floh ich in den westen,weil ich nicht mehr in einem kommunistischen staat leben konnte.Im Hamburger Raum habe ich schnell Arbeit gefunden.Mein Leben besserte sich undder Rest der Familie zog im November des gleichen Jahres nach.Doch meine Ehe ging ein Jahr spaeter nach 27 Jahren Ehezeit in die Brueche.Ich blieb allein mit meinem Leben in der schoenen Estestadt Buxtehude zurueck.Fuer mich war das eine Tragoedie,keinen Kontakt mehr zu meinen Kindern zu haben.

                                      Fruehverrentung infolge Krankheit

Ich arbeitete fleissig weiter als Containerschlosser bis zu meiner Erkrankung an der Bandscheibe.Im Februar 2003 endlich wurde ich erfolgreich an der Bandscheibe operiert.Die Aerzte erlaubten mir nicht mehr weiterzuarbeiten und so verlor ich meinen Job.Ich bekam eine angemessene Abfindung von meiner Firma und wurde ab April 2003 Fruehrentner.Fuer mich bedeutete das,ein Sozialfall zu sein.

                                      Schneller Entschluss zur Auswanderung

Mit meiner Rente konnte ich mir ein weiteres Leben in Deutschland nicht mehr vorstellen.”Wie ist das ueberhaupt moeglich als Rentner im teuren Deutschland zu leben?”,fragte ich mich.Deutschland war fuer mich eine “Wegwerfgesellschaft”,eine Gesellschaft,die sich nicht viel um ihre Rentner kuemmert.beispielsweise stellte ich einen Antrag auf Wohngeld.Er wurde abgelehnt.Ich ueberlegte lange und kam zu dem Entschluss:Es gibt nur einen Weg fuer mich – schnell und ohne Zoegern dem ungeliebten deutschland fuer immer den Ruecken zu kehren.

                                       Wohin soll die Reise gehen?

Aber wo sollte ich hin?.In Berlin suchte ich mehrere Botschaften auf,die von Indonesien,Kenia und Kolumbien.Die Bedingungen,die Kolumbien fuer eine Einreise stellte,sagten mir am ehesten zu.Es wurden viele Papiere verlangt.Ein Fuehrungszeugnis in deutscher und in spanischer Sprache.Dazu muss ich meine scheidungspapiere vorweisen sowie eine Einladung zwecks Heirat meiner kolumbianischen Freundin aus Cali.Ein Visum fuer einen einjaehrigen Aufenthalt in dem suedamerikanischen Land musste ich auch noch beantragen.Bis ich all die verlangten Papiere bis auf die letzte Einzelheit  zusammen hatte,brauchte ich glatte zwei Monate.Alle Ausreisepapiere kosteten mich rund 890 Euro,zusaetzlich kamen noch die Kosten fuer das Flugticket.Mein Flieger startete genau am 3.August 2003 mit meinem reichlich Gepaeck in Richtung Suedamerika.Ueber Barcelona und Madrid flog ich nach Bogota/Kolumbien.Von Bogota aus brachte mich ein anderer Flieger weiter nach Cali/Kolumbien.Abends in Cali angekommen,waren meine Gedanken an Deutschland schnell verflogen.Von da an schaute ich in eine neue,andere richtung und wo mein Weg war,war meine Zukunft.

                                      Neubeginn mit eisernem Willen

Der Beginn meines Lebens in Kolumbien war fuer mich damals auch nicht einfach.Ich musste standhaft bleiben und nicht”wackeln”.Das erforderte eisernen Willen.Ich hatte keine Familie,keine Freunde mehr,hier sprach man eine andere Sprache usw.Aber ich bereute meine Entscheidung nicht,es war einfach ein Abenteuer.

                                     Hilfsbereite Freunde gefunden

An das Leben in Kolumbien gewoehnte ich mich allmaehlich.Schnell hatte ich Freunde gefunden,die mir unheimlich viele Gefuehle entgegenbrachten.sie besorgten mir zur Ueberbrueckung vorlaeufig Altmoebel wie Bett,Tisch und anderes.das war eine grosse Hilfe fuer mich.Wie sieht das dagegen in Deutschland aus?.Da werden Auslaender nicht viel beachtet.Durch einen Freund habe ich auch die spanische Sprache schnell gelernt.Ich kann heute mit Stolz sagen:Spanisch ist eine sehr schoene romantische Sprache.

                                        Gluecklich mit dem Leben in Kolumbien

Schon sechs Jahre lebe ich hier in Cali und bin gluecklich mit meinem Leben.Ich habe eine sehr liebe hoerende Lebensgefaehrtin.Sie heisst Dalia und ist 22 Jahre juenger als ich.Ausserdem haben wir eine gemeinsame Tochter.Briana heisst ihr Name ,sie ist 21 Monate alt.Bin sehr stolz auf sie.In absehbarer Zeit werde ich Dalia heiraten.Ich lebe in der Millionenstadt Cali,im Bundesland Valle del Cauca.Die Stadt Cali hat drei Millionen Einwohner,darunter 2500 Deutsche.Kolumbien ist etwa dreimal so gross wie DeutschlandInsgesamt hat es 45 Millionen Einwohner.Kolumbien ist von zwei Meeren umgeben,der Karibik und der Pazifik.Ich treffe mich auch mit kolumbianischen freunden zum Biertrinken und Billardspielen.Mit Gehoerlose habe ich auch Kontakt.Hier in meiner Wahlheimat Kolumbien gelten die in Deutschland gewaehrten Nachteilsausgleiche nicht.So wurde mir mein Behindertenausweis entzogen,obwohl ich noch Buerger der Bundesrepublik Deutschland bin.Ich habe keinen Anspruch auf Sozialgeld,bekomme kein Kindergeld und erhalte keine Wahlpapiere.Was soll ich mit Deutschland?.Ich will auch nicht von Almosen leben.Hier lebe ich als Rentner viel besser und viele Menschen hier sind sehr freundlich und das tropische Klima tut mir gut.

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